
Die Dokumentation
28 Personen, die offenbar mit erfundenen russischen Identitäten unterwegs waren, sind seit Ende 2024 auf sieben russischen Frachtschiffen mitgefahren. Das ergibt eine am 19. Oktober 2026 veröffentlichte Recherche von Follow the Money (FTM) mit Dossier Center, Danwatch, Delfi und der Süddeutschen Zeitung. Mindestens sechs der Schiffe hatten Militärgerät an Bord. Die Ladungen wurden in Togo und Guinea gelöscht und waren laut dem Rechercheverbund für das Afrikakorps bestimmt, die russische Truppe, die in Mali die Einsätze der Wagner-Gruppe übernommen hat.
Die Namen stammen aus Passagierdaten in vertraulichen Schifffahrtsdokumenten, die den Medien vorliegen. Dossier Center glich sie mit Hunderten geleakter russischer Datenbanken und Behördenportale ab und fand zu keiner der 28 Personen eine Spur: Niemand hatte in Russland ein Flug-, Bahn-, Fernbus- oder Fährticket gekauft, niemand besaß eine Kfz-Versicherung. Analysten der US-Sicherheitsorganisation C4ADS prüften die Liste und kamen zu dem Schluss, die Angaben seien „wahrscheinlich erfunden“. Laut FTM waren die verwendeten Pässe nicht biometrisch und damit leichter zu fälschen.
Die Fahrt der Mikhail Britnev
Der Frachter Mikhail Britnev verließ Kaliningrad am 18. Juni 2026 mit Militärfahrzeugen an Bord und fuhr durch die dänischen Meerengen, die Nordsee und den Ärmelkanal. Als einzige Passagiere waren vier Männer gelistet, deren Identitäten nach Angaben des Verbunds gefälscht erscheinen.
Eine Mitteilung der Royal Navy vom 26. Juni 2026 hält fest, dass die Fregatte HMS Somerset das Landungsschiff Aleksander Shabalin und „den Tanker MV Mikhail Britnev“ durch den Kanal begleitete. Laut FTM schaltete die Britnev kurz nach Verlassen des Kanals ihr Positionssignal ab und war damit nicht mehr in Echtzeit zu verfolgen. Satellitenbilder zeigen, wie sie am frühen Morgen des 9. Juli im Hafen von Lomé in Togo einlief.
Lieferungen über Guinea
Zwei weitere Schiffe, die Adler und die Siyanie Severa, erreichten laut FTM im Januar 2025 mit fast 100 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen Guinea. Auf der Adler reisten sechs Passagiere mit offenbar falschen Identitäten und sonst niemand, auf der Siyanie Severa einer. Ein drittes Schiff, die Sabetta, lief von Kaliningrad aus und legte im März 2026 in Guinea an; danach wurden Dutzende Militärfahrzeuge nach Mali gebracht.
Russische Seetransporte in die Region sind schon früher aufgefallen. Bellingcat berichtete am 25. August 2026, dass die Patria, ein russisches Ro-Ro-Schiff, wiederholt zwischen Owendo in Gabun und Douala in Kamerun pendelte und anschließend mehr als einen Monat vor Lagos vor Anker lag; was sie transportierte, ist unbekannt. Die Sanktionsliste des US-Finanzministeriums führt die Patria im Russland-Programm und verknüpft sie mit der Sakhalin Shipping Company.
Warum die Identitäten wichtig sind
Ein nicht namentlich genannter europäischer Geheimdienstmitarbeiter sagte dem Verbund, das Muster deute höchstwahrscheinlich auf eine Geheimdienstoperation hin. Stiig Waever, ein früherer Mitarbeiter des dänischen Sicherheits- und Nachrichtendienstes PET, kam zum selben Schluss. Die Analystin für russische Sicherheitspolitik Nadina Ronc sagte, falsche Papiere erschwerten es, „die Befehlskette, die Finanzierung und die staatliche Beteiligung“ nachzuverfolgen.
In einem Bericht vom 12. Februar 2026 führte der unabhängige UN-Experte für die Menschenrechtslage in Mali schwere Verstöße auf die nationalen Streitkräfte und deren ausländische Partner zurück, die „gemeinhin als ‚Wagner-Gruppe‘ oder ‚Afrikakorps‘ bezeichnet“ werden, und nannte deren Straflosigkeit ein zentrales Problem.
Die Stellungnahmen
Laut FTM antworteten das russische Verteidigungsministerium, die Eignerfirmen der Schiffe, die Kapitäne und die togoischen Behörden nicht auf Anfragen. Auch die von Bellingcat im Fall Patria genannten Eigner und Manager hatten bis zur Veröffentlichung nicht reagiert.
Offene Fragen
Wer waren die 28 Passagiere, und welche russische Behörde stellte ihre Pässe aus? Haben Hafen- und Flaggenbehörden in Togo und Guinea die übermittelten Crew- und Passagierlisten geprüft? Und auf welcher rechtlichen Grundlage wurde Militärgut angelandet und nach Mali weitertransportiert?
Die Schlussfolgerung des Verbunds, die Identitäten seien erfunden, beruht auf Datenbankabgleichen und Experteneinschätzungen; keine Behörde hat sie öffentlich bestätigt, angeklagt wurde niemand. The Ledgers hat die vertraulichen Passagierdokumente nicht eingesehen. Die Befunde beschreiben ein Muster der Verschleierung, kein nachgewiesenes Fehlverhalten einer namentlich genannten Person.
Auf Grundlage von Berichten von: Follow the Money mit Dossier Center, Danwatch, Delfi und Süddeutscher Zeitung · 19. Oktober 2026; Bellingcat · 25. August 2026; Royal Navy · Ständige Beschattung russischer Kriegsschiffe in britischen Gewässern · 26. Juni 2026; US-Finanzministerium OFAC · SDN-Listeneintrag: PATRIA (IMO 9159921); UN-Menschenrechtsrat · Bericht des unabhängigen Experten zu Mali, A/HRC/61/76 · 12. Februar 2026.
Quelldokumente
05- Follow the Money mit Dossier Center, Danwatch, Delfi und Süddeutscher Zeitung · 19. Oktober 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- Bellingcat · 25. August 2026Kein öffentlicher Link angegeben
- Royal Navy · Ständige Beschattung russischer Kriegsschiffe in britischen Gewässern · 26. Juni 2026royalnavy.mod.uk
- US-Finanzministerium OFAC · SDN-Listeneintrag: PATRIA (IMO 9159921)sanctionssearch.ofac.treas.gov
- UN-Menschenrechtsrat · Bericht des unabhängigen Experten zu Mali, A/HRC/61/76 · 12. Februar 2026ecoi.net
Dossier-Aktualisierungen
Bericht veröffentlicht
Recherche läuft
Redaktioneller Recherchestatus erfasst.
Redaktioneller Hinweis
Dieses Recherche-Briefing fasst eine Recherche von Follow the Money mit Dossier Center, Danwatch, Delfi und der Süddeutschen Zeitung, frühere Berichterstattung von Bellingcat sowie die zitierten amtlichen Dokumente zusammen. The Ledgers hat die vertraulichen Schifffahrtsdokumente und Passagierdaten nicht unabhängig geprüft; die Einschätzung, die Identitäten seien erfunden, stammt vom Rechercheverbund und ist von keiner Behörde bestätigt. Die Illustration ist KI-generiert und zeigt kein tatsächliches Ereignis und keine reale Person.
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